Ausbildungshilfe oder Risiko für das Pferdewohl? Schlaufzügel scheiden die Geister

Schlaufzügel verlaufen vom Sattelgurt – zwischen den Vorderbeinen über die Brust oder jeweils seitlich angebracht – durch die Gebissringe zurück zur Hand des Reiters. Sie sollen die Kopf-Hals-Haltung des Pferdes begrenzen und werden unter anderem im Korrektur- und Ausbildungstraining eingesetzt. Auch im Westernreiten sind sie ein Thema – weniger im Turniereinsatz, jedoch durchaus im täglichen Training, etwa bei Jung- oder Korrekturpferden.

Befürworter einer fachgerechten Verwendung sehen Schlaufzügel als zeitlich begrenzte Ausbildungshilfe für erfahrene Reiterinnen und Reiter. Richtig eingesetzt sollen sie nicht permanent einwirken, sondern lediglich dann begrenzen, wenn sich das Pferd den Hilfen durch ein starkes Anheben des Kopfes entzieht. Sobald es die gewünschte Haltung findet, müsste der Schlaufzügel wieder locker werden.
Genau darin liegt jedoch das zentrale Risiko: Die Wirkung hängt unmittelbar von der Hand des Reiters ab. Bei fehlender Erfahrung können Schlaufzügel zu kurz verschnallt oder unter ständigem Zug verwendet werden. Das Pferd wird dadurch möglicherweise in eine enge Kopf-Hals-Haltung gebracht, ohne den Rücken korrekt zu benutzen oder eine tragfähige Selbsthaltung zu entwickeln. Mögliche Folgen sind Verspannungen, eine fehlerhafte Bewegungsmechanik, Druck auf Maul und Genick sowie Stress- und Abwehrverhalten. Fachquellen weisen deshalb darauf hin, dass ihr Einsatz erfahrenen Ausbildern vorbehalten bleiben und keinesfalls fehlendes reiterliches Können ersetzen sollte.
Hier setzt das wichtigste Argument der Verbotsbefürworter an: In der Schweiz werden viele Pferde von Freizeit- und Amateurreitern trainiert. Eine fachgerechte Anwendung lässt sich im privaten Training kaum kontrollieren. Aus ihrer Sicht muss der Schutz des Pferdes deshalb höher gewichtet werden als die Möglichkeit, das Hilfsmittel in einzelnen Situationen korrekt einzusetzen.
Gegner eines generellen Verbots halten dagegen, dass nicht der Schlaufzügel an sich, sondern sein Missbrauch problematisch sei. Auch Gebisse, Sporen oder andere Ausrüstungsgegenstände könnten bei falscher Anwendung Schmerzen verursachen. Sie plädieren deshalb eher für Ausbildung, klare Richtlinien und konsequente Kontrollen als für ein vollständiges Verbot.
Im Schweizer Turniersports bestehen bereits Einschränkungen. Schlaufzügel sind beispielsweise in Prüfungen, auf dem Abreitplatz und bei Preisverteilungen verboten. Im privaten Training sind sie bislang grundsätzlich zulässig.
Die politische Diskussion dreht sich damit nicht nur um die Frage, ob Schlaufzügel fachgerecht eingesetzt werden können. Entscheidend ist auch, ob Pferde ausreichend vor einer falschen, übermässigen oder unerfahrenen Anwendung geschützt sind.
Studien zur Zügelspannung zeigen, dass Reiter die auf das Pferd wirkenden Kräfte häufig unterschätzen. Gleichzeitig hängt die Wirkung von Schlaufzügeln in hohem Masse von ihrer Einstellung und der Einwirkung der Reiterhand ab. Fachleute sehen deshalb insbesondere bei unerfahrenen Reitern ein erhöhtes Risiko einer dauerhaft zu starken Einwirkung.
Wie das Parlament über die Motion entscheiden wird, ist derzeit offen. Unabhängig vom politischen Ausgang dürfte die Diskussion den Pferdesport weiter beschäftigen – auch im Westernreiten, wo Fragen rund um Ausbildung, Hilfszügel und Pferdewohl seit jeher einen hohen Stellenwert haben.
Oder vielleicht sollten wir wieder einmal auf die alten, erfahrenen Horseman hören?
Ninety percent of the time, people use draw reins as a crutch. They think draw reins will teach a horse to hold his head down on his own if they just use them long enough. I haven’t seen anyone who was successful at that.
«In 90 Prozent der Fälle werden Schlaufzügel als Krücke (Hilfsmittel als Ersatz für fehlende Ausbildung) verwendet. Viele Reiter sind der Meinung, dass das Pferd irgendwann von allein lernt, den Kopf unten zu tragen, wenn sie die Schlaufzügel nur lange genug einsetzen. Ich habe bisher niemanden gesehen, bei dem das funktioniert hat.»
Aus einem Interview mit Bob Avila in Horseandrider.com Tack Talk
Bob Avila (1951–2024) war einer der renommiertesten Westerntrainer Nordamerikas. Als erfolgreicher Trainer, Richter und Ausbilder prägte er über Jahrzehnte den Westernreitsport und genoss weit über die USA hinaus hohes Ansehen.
Der Artikel ist erschienen im WESTERNER Summer Edition 2026 Quellen: Horseandrider.com parlament.ch



