Training eines All-Around Pferdes

Interview mit Sophie Gillioz und Linda Leckebusch-Stark (von Angelika Good-Müntener, März Ausgabe WESTERNER)

Linda Leckebusch-Stark bringt Abwechslung in den Trainingsalltag. Foto: Privat z.V.g.

Viele Fragen sich immer wieder, wie trainieren unsere Vorbilder ihre Pferde, damit diese international mithalten können. Gibt es so etwas wie ein «Wunderkonzept»?

Diese zwei aussergewöhnlichen Persönlichkeiten gewähren uns einen Einblick in ihren Trainingsplan: Die Walliserin Sophie Gillioz, die mit Ihren beiden Pferden Power In The Canyon und Zipped N Certain sehr erfolgreich ist und die deutsche Trainerin Linda Leckebusch-Stark, welche mit ihren facettenreichen Trainingspferden ebenfalls vorne mitreitet.

Ab wann kann von einem Sportpferd im Westernbereich gesprochen werden?

Sophie: Meiner Meinung nach hat ein Showpferd mehr Dressurqualitäten als ein sagen wir mal normales Freizeitpferd. Dies bedeutet nicht, dass ein Showpferd nicht ins Gelände geht. Jedoch kann ein gutes Sportpferd sekundenschnell und willig den Hilfen des Reiters folgen. Und was noch viel wichtiger ist, es liebt Turniere!
Linda: Ab der 2. Saison in welcher ein Pferd an Turnieren vorgestellt wird, spreche ich von einem Sportpferd. Da die erste Saison dazu dient sich zu finden.

Sophie Gillioz und Power In The Canyon Foto: Privat z.V.g.

Was braucht es für ein Top All-Around Pferd im Sport?

Sophie: Grundsätzlich kann man mit jeder Rasse erfolgreich sein, sofern das Pferd Talent mitbringt. Absolut unumstösslich ist natürlich die körperliche Kondition. Ein Pferd welches nur alle vier Tage leicht bewegt wird, bringt niemals weder die psychische noch die physische Stabilität mit um eine Show im All-Around Bereich gut zu überstehen.
Linda: Jahrelange Ausbildung. Am Anfang beginnt man mit ein bis zwei Klassen danach können mit jedem Jahr neue Klassen dazu genommen werden. Es braucht ein physisch starkes Pferd, damit es selbstsicher auf einem Turnier läuft und sich nicht so schnell ablenken lässt. Ein gutes Exterieur und auffallende Optik können helfen. Jedoch kann auch ein wenig guter Beweger, welcher konstant an den Hilfen steht, gut mithalten.

Wie sieht dein Trainingsplan im Detail aus?

Sophie: Meine Pferde sind immer draussen, dies bedeutet sie sind auch immer in Bewegung. Eine gute Aufwärm- bzw. Auslaufphase von mindestens zehn Minuten sind unumgänglich. Ich persönlich frage zum Aufwärmen sehr gerne einige Showmanship-Manöver ab. Danach sind meine Pferde mental abrufbar und physisch bereit. Meine Stute Power in the Canyon, die ich hauptsächlich an Turnieren vorstelle, ist sehr gut trainiert. Sie weiss genau worum es geht, sie will «gefallen» das heisst, sie will alles recht machen. Ich reite sie ca. zwei bis drei Mal die Woche, das reicht. Wanda (Zipped N Certain), war ein auf die Disziplin Western Pleasure spezialisiertes Pferd, daher benötigt sie mehr Hilfe bei den anderen Disziplinen. Wir haben vor etwa drei Jahren angefangen sie im All-Around Bereich zu trainieren. Sie braucht mehr Zeit um alles zu verstehen, da sie auch nicht das selbstsicherste Pferd ist. Somit reite ich sie vier bis fünf Mal die Woche, einmal wird sie longiert und an einem Tag hat sie frei. Es braucht Jahre bis man ein gutes All-Around Pferd hat. Daher ist regelmässiges Training der Schlüssel zum Erfolg. Nichts ersetzt die Stunden, welche im Sattel verbracht werden.
Linda: Nicht nur im Sattel oder in der Halle werden meine Pferde bewegt, sondern auch im Gelände. Ich bewege sie mindestens fünf Mal in der Woche. Die zwei Stehtage lege ich jeweils nicht hintereinander, dies ist für den Aufbau der Muskulatur schlecht. Abwechslung hält die Pferde mental und körperlich fit. Somit gehe ich sicher einmal in der Woche ins Gelände. Da wir im bergigen Gebiet leben, ist dies hervorragend geeignet um bergauf und bergab zu trainieren. Dies hilft auch das Vertrauensverhältnis zwischen meinen Trainingspferden und mir zu stärken. Auch Longen- und Stangenarbeit an der Hand mache ich sehr gerne als Programmwechsel.

Sophie Gillioz nutzt den Winter um es etwas ruhiger anzugehen. Foto: Privat z.V.g.

Wird der Trainingsplan über das Jahr verändert, z.B. während der Winterpause?

Sophie: Ich reduziere die Trainingssessions über den Winter. Ich liebe den Winter. Durch die Beziehung welche ich zu meinen Pferden habe, werden sie in den Wintermonaten mehr zu Haustieren anstelle der Sportpartner, die wir während der Saison sind. Wir können neue Dinge erlernen, ohne den Zeitdruck eines vor der Tür stehenden Turniers. Wenn wir es geschafft haben, dann reduziere ich die Trainingseinheiten nochmals bevor die Showsaison beginnt. Um die Flexibilität zu erhalten machen wir viel Gymnastik. Wir geniessen dann lieber ausgedehnte Geländeritte. Aber auch einfach mal bei meinen Pferden zu sein, ist eine wundervolle Zeit.
Linda: Es kommt auf den Ausbildungsstand des Pferdes an. Jedoch ist grundsätzlich die Winterpause für zweierlei Dinge da: Erstens wirklich eine Pause zu haben und zweitens neue Dinge ohne Druck zu erlernen. Somit werden die erfahrenen Pferde eher locker bewegt und den jungen werden z.B. die fliegenden Galoppwechsel beigebracht.

Wann beginnt nach der Winterpause wieder der Alltag im Training?

Sophie: Ich versuche etwa sechs bis acht Wochen vor dem ersten Start alle bereits gelernten Manöver, sowie Neuerlerntes zusammenzufügen. Meine beiden Stuten sind absolut begierig, wenn ich nach der Winterpause wieder mit irgendwelchen Stangen und Pylonen auf dem Platz stehe. Das erste Turnier ist immer ein «Wo-stehen-wir-Test». Ich habe nie ausgelernt. Jede Show ist mehr ein Wettkampf gegen mich selbst, als gegen meine Mitstreiter. Wie kann ich es besser machen? Wie erreiche ich es für die nächste Show?
Linda: Wir starten ca. drei Monate vor Saisonbeginn, meist im Februar oder März. Dann werden die Pferde langsam wieder aufgebaut und bis zum ersten Start sind sie sicherlich wieder voll motiviert und bereit.

Auch für Linda sind Geländeritte eine wichtige Abwechslung. Foto: Privat z.V.g.

Wird das Training vor einem wichtigen Turnier erhöht?

Sophie: Vor grossen Shows arbeite ich mit meinen Pferden etwas intensiver, jedoch lasse ich es eine Woche vor dem Start ruhiger angehen. So erreiche ich, dass meine Pferde das Training verarbeiten können, aber nicht völlig ausgepowert zur Show erscheinen.Linda: Wir behalten grundsätzlich unser Training bei. Wir möchten, dass die Pferde die Freude an Turnieren nicht verlieren. Es kann höchstens sein, dass für eine bestimmte Klasse gezielter, aber nicht mehr, trainiert wird.

Welche Aktivitäten haben die Pferde nach einer Show?

Sophie: Einen Tag nach einem grossen Turnier reite ich mit meinen Pferden aus oder longiere diese. Damit kann ich Muskelverspannungen vorbeugen. Jedoch lasse ich sie danach einfach ein paar Tage Pferd sein. Sie glücklich zu behalten, ist das Allerwichtigste.
Linda: Meine Pferde bekommen mindestens ein bis zwei Tage frei – einfach nur Weide. So können sie sich mental und auch körperlich erholen. Wir haben so grosse Weiden, da können Sie sich frei und weitläufig so bewegen, wie es ihnen gut tut nach einer grossen Show.

Wird je nach Trainingsstand/Trainingsintensität auch das Futter angepasst?

Sophie: Das ganze Jahr über bekommen sie à discrétion Heu und etwas Kraftfutter. Die Menge ändere ich über das Jahr hindurch nicht.
Linda: Auf langen Turnieren füttern wir zum Teil etwas zu, damit sie nicht abbauen. Je nach Pferd bekommen diese verschiedene Futtermengen. Jedoch bekommt jedes Pferd grundsätzlich sehr viel Heu, zweimal am Tag Kraft- und Mineralfutter in Form von Pellets und dazu Öl. Die schwerfuttrigen Pferde bekommen noch Wafer Cobs, diese enthalten Mais und Luzerne.

Gestaltest du das Training vom Putzen bis zum Absatteln selbst?

Sophie: Alles selbst zu machen stärkt die Bindung zum Pferd. Auch am Turnier selber. Ich liebe es frühmorgens mein Pferd und mich für eine Showmanship-Prüfung bereit zu machen. Natürlich habe ich im Allroundbereich Hilfe von meiner Familie, weil es sonst fast nicht möglich ist.
Linda: Es ist mir sehr wichtig meine Trainingspferde gut zu kennen, daher versuche ich zum grössten Teil alles selbst zu machen. Je nach betrieblicher Situation habe ich Hilfe. Da ich sechs bis zehn Pferde pro Tag reite, bin ich sehr schnell im Putzen und alle meine Pferde erlernen ruckzuck das «Ground Tying». Ich nehme mir auch oft Zeit, die Pferde nach der Arbeit auf dem Reitplatz wälzen zu lassen.

Was würdest du unseren ambitionierten Turnierreitern für einen Tipp geben um auch im Allroundbereich mithalten zu können?

Sophie: Arbeit, Arbeit, Arbeit… Es gibt keine Abkürzung für Erfolg. Sicher hilft es einen guten Trainer zu haben oder Kurse zu besuchen um sich weiterzuentwickeln. Die Richtige Trainingsmethode für sich selbst und sein Pferd kann enorme Verbesserungen herbeiführen.
Linda: Es braucht Zeit und Talent und dann kann auch pferdegerecht im Leistungssport mitgeritten werden. Beim Training das Pferd nicht bestrafen. Sich selbst und dem Pferd hilft eine simple Korrektur der Übung viel mehr um weiterzukommen, als es z.B. durch Rückwärtsrichten zu bestrafen. Viele strafen ihr Pferd bei sogenanntem Fehlverhalten. Der Fehler liegt jedoch immer beim Reiter. Daher sollte er immer bemüht sein, sich selbst zu verbessern.


Foto: Privat z.V.g.

Sophie Gillioz
36, wohnt in Sion im Kanton Wallis

Pferde:
Power in the Canyon,
Zipped N Certain,
Its a Power Thing

Leistungsstufe/Division:
AQHA Amateur Level 3

Lieblingsdisziplinen:
Horsemanship, Showmanship, Hunt Seat Equitation, Western Riding

Grösste Erfolg:
4 x Europameisterin, 13th place AQHA World show Level 3 Finale, 3 x top 10 AQHA World show Level 2, 5 x Schweizermeisterin, DQHA und VWB All-Around Champion 2018

Trainingsmotto:
«Champions do not become champions when they win the event, but in the hours, weeks, months and years they spend preparing for it. The victorious performance itself is merely the demonstration of their championship character». T. Alan Armstrong

«Champions werden nicht in dem Moment Champion in dem sie gewinnen, sondern während den Stunden, Wochen, Monaten und Jahren welche sie damit verbringen, sich vorzubereiten. Die siegreiche Leistung selbst ist lediglich die Demonstrationen von ihrem Gewinner-Charakter». T. Alan Armstrong

Lebensmotto:
Das Leben wird nicht an der Anzahl unserer Atemzüge gemessen, aber an den Momenten, welche uns den Atem nehmen. Somit versuche ich jeden einzelnen Moment zu geniessen


Foto: Privat z.V.g.

Linda Leckebusch-Stark
34, wohnt in Nümbrecht, Deutschland

Pferd: Eine eigene Zuchtstute

Leistungsstufe/Division:
Open AQHA Professionale Horsewomen, seit 2006 selbstständig

Lieblingsdisziplin:
Ranch Riding, Trail, Western Riding & Hunter

Grösste Erfolg:
Mehrfache Europa- und Deutsche Meisterin bei der AQHA, APHA und ApHC, sowie Futurity und Maturity Champion. 

Trainingsmotto:
Es ist mein Ziel zu demonstrieren, dass man pferdegerecht mit gutem Horsemanship erfolgreich im Sport reiten und Pferde bis zum höchsten Niveau ausbilden kann.

Ich bin meinen Pferden sehr nahe. Ich weiss wie ein Pferd denkt, fühlt und was es mir sagen will. Ich reite mit sehr viel Gefühl und Geduld und denke oft darüber nach, wie ich dem jeweiligen Pferd gerecht werden kann. Pferd und Reiter zu trainieren, ist mehr als ein Beruf – es ist eine Art zu leben. Der Erfolg ist die Bestätigung für gute Arbeit!

Lebensmotto:
Love it, change it or leave it!

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