Jährlinge unter dem Sattel – Aufschrei im Netz

carol-Rose-YearlingEiner der bekanntesten Quarter Horse-Zuchtbetriebe in Amerika, Carol Rose Quarter Horses, präsentiert ganz öffentlich, was so mancher schon hinter vorgehaltener Hand über die Western-Szene erzählte: So scheint es in einigen Betrieben und Sportbereichen völlig normal, bereits die Jährlinge an Sattel und Reiter zu gewöhnen. Die am 11.11.14 ins Netz gestellten Videos von Verkaufspferden zeigen Jährlinge, die im Schritt, Trab und Galopp geritten werden, Rückwärtsrichten und Anhalten inklusive.

Auf der facebook-Seite von Carol Rose Quarter Horses werden gleich mehrere der vielversprechenden Nachwuchspferde als Jährlinge unter dem Sattel präsentiert und angepriesen. All diesen Pferden gemein ist: Sie sind höchstens 22 Monate alt, stehen im Futter wie Zwei- oder Dreijährige, haben eine illustre Abstammung und sollen später – ab einem Alter von drei Jahren – einmal im “großen Sport” mitlaufen können.

Hier beispielhaft das Verkaufsvideo von Quarter Horse-Stute Yurs N Mine, Jahrgang 2013
Hier beispielhaft das Verkaufsvideo von Quarter Horse-Hengst Shiner In Tinseltown, Jahrgang 2013
Hier beispielhaft das Verkaufsvideo von Quarter Horse-Hengst Alwaysshineyergunsup, Jahrgang 2013
Hier beispielhaft das Verkaufsvideo von Quarter Horse-Stute Sparkling In Tinseltown, Jahrgang 2013

Es war eine Art “offenes Geheimnis”, dass selbst die 1,5-jährigen Pferde schon ihre ersten Trainingseinheiten unter dem Sattel absolvieren müssen – schließlich werden im amerikanischen Western-Sport schon den Dreijährigen Höchstleistungen abverlangt. Paradebeispiel sind hier die Reining Futurity bzw. Cutting Futurity der Verbände NRHA (National Reining Horse Association) und NCHA (National Cutting Horse Association), in der die dreijährigen Pferde maximale Athletik zeigen müssen, um das begehrte Preisgeld einzustreichen. Verbandspolitik ist es, in diesen Klassen die höchsten Gewinnsummen auszuschreiben, die überhaupt in diesem Sport angeboten werden.

Doch wie sollen die Dreijährigen bereits 10 Meter Sliden, sich wie eine Zentrifuge drehen oder im Jagdgalopp Zirkel ziehen, ohne vorher ein entsprechendes Trainingsprogramm absolviert zu haben?

Und auch in anderen Sportarten greifen die Extreme um sich. So werden in Amerika – und teilweise auch schon in Europa – Reit-Klassen für Zweijährige angeboten. Unter anderem die AQHA (American Quarter Horse Association) – immerhin der größte Zuchtverband der Welt – schreibt solche sehr prestigeträchtigen Western Pleasure- und Hunter-Wettbewerbe aus. Wann die dort gezeigten Pferde erstmals geritten werden, mag sich jeder an zwei Händen zusammenrechnen.

Besonders schlimm sind diese Fakten für diejenigen Westernreiter, die sich einer fundierten und pferdegerechten Ausbildung ihrer vierbeinigen Partner verschrieben haben – und davon gibt es mehr als genug unter den Turnierreitern. Schließlich hat das Westernreiten in Europa seinen Siegeszug als harmonische und von Horsemanship geprägte Reitweise, die sich dennoch sportlich messen kann und möchte, angetreten – und viele Pferdeliebhaber überzeugt.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass der beschriebene Trend nicht nur im Westernreitsport zu finden ist. Ein weiteres und geradezu klassisches Beispiel ist der Rennsport, in dem ebenfalls hochdotierte Prüfungen für Zweijährige angeboten werden.

So sind die Videos der gerittenen Jährlinge für so manchen keine Überraschung – jedoch für die, die noch an das Gute im Reitsports glauben – und das ist zum Glück die Mehrheit. So haben die Videos geradezu einen Aufschrei unter vielen Lesern und Zuschauern ausgelöst, hunderte Kommentare aus Amerika und Europa finden sich auf facebook unter den Videos, auf Youtube wird kräftig mit “Daumen unten” bewertet.

Doch die Befürworter der Verkaufsvideos und Bewunderer des Sports verteidigen ihre Gründe:
“Die sind mental in genau dem richtigen Alter, die wehren sich dann noch nicht”,
“die sehen doch schon aus wie Zwei- oder Dreijährige, die sind körperlich schon so weit”,
“mein Pferd ist auch als Jährling angeritten worden und heute als Neunjähriger immer noch topfit”,
“es kommt nicht drauf an, wann man anreitet, sondern wie” oder
“Carol Rose ist Pferdemensch durch und durch und besitzt Erfahrung wie kaum ein anderer – sie weiß, was sie tut”
– das sind nur einige Argumente.

Doch die Befürworter haben es in diese Tagen schwer in den sozialen Netzwerken – der Gegenwind ist deutlich zu spüren, ein “Schönreden” wird nicht akzeptiert.

Quelle: facebook / Youtube / barnboox.de

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